ZIELSTERN-CON
DER NEUE AUTOR

Michael Thurner

 

Michael Marcus Thurner im Kreuzverhör

[Auszüge aus einem Interview, das von Wolfgang Zenker mit dem neuen Autor geführt wurde. Das komplette Interview (u.a. mit Statements zum Verdienst von Autoren, Sex und Gewalt, Rapid, etc.) mit weiteren Fotos kann man im Con-Buch nachlesen!]

Im Oktober 2004 gab es ein Ereignis, das in seiner Bedeutung für den Stammtisch gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Denn immerhin ist es nicht alltäglich, dass ein Mitglied einer Fangruppe in die Riege der P.R.-Autoren aufgenommen wird. Wir haben die Gelegenheit genützt und unseren Neo-Autor Michael Marcus Thurner für dieses Büchlein ein wenig befragt …

Michael, zuerst einmal herzlichen Glückwunsch. Du hast es als Erster und bisher auch Einziger aus unserem Stammtisch in die Riege der P.R.-Autoren geschafft. Es drängt sich daher die unvermeidliche Einstiegsfrage auf: Wie fühlt man sich so, als frischgebackener Co-Autor der größten SF-Serie der Welt?

MMT: Also momentan nur müde (lacht). Nein, es ist natürlich ein tolles Gefühl, aber es war überraschend unspektakulär, das Ganze. Denn ich bin durch das Arbeiten an MADDRAX und BAD EARTH bereits derart in diese Heftschreiberei hineingerutscht – jetzt im positiven Sinne, dass RHODAN zwar ein Aufstieg ist, aber nicht unbedingt so, dass ich jetzt in Ehrfurcht erstarrt bin, wie ich das erste Exposé bekommen habe. Es war ein angenehmer Einstieg, ich habe einen guten Band bekommen und es war ohne Probleme.

Das heißt, das beklemmende Gefühl hält sich in Grenzen.

MMT: Absolut, ja. Da war nie das Gefühl von Angst oder Ehrfurcht und »Ich fall’ jetzt auf die Knie« und »ich weiß nicht, was ich tu«, das hat´s nie gegeben.

Bevor wir zum »fachlichen« Teil kommen, könntest Du unseren Lesern ein wenig über den privaten Michael Marcus Thurner erzählen? Deinen bisherigen Werdegang, Familie, Hobbys und dergleichen?

MMT: Das wisst’s eh!

Also gut: Baujahr 1963, zwei Kinder, verheiratet seit 1991.

Schulausbildung: Volksschule (in Deutschland Grundschule, die Red.) abgeschlossen interessanterweise; die Mittelschule (Gymnasium) nicht abgeschlossen, da bin ich mit 14 »abgegangen worden«, weil ich Latein verpasst habe und musste auf die Handelsakademie wechseln. Dort ist es mir besser gegangen, da bin ich nur fast durchgefallen. Die Matura habe ich sogar im zweiten Anlauf geschafft. Dann gab es, glaube ich, 28 Semester Anglistikstudium, wo ich inskribiert war, aber nie was gemacht hab’ natürlich, so wie sich´s gehört. Und da habe ich auch nebenbei schon zu arbeiten angefangen. Deswegen ist auch nie was geworden aus dem Studium. Ich habe Lehramt in Englisch studiert, was sowieso ein Debakel geworden wäre. Das habe ich irgendwann einmal erkannt und das wollte ich den Schulkindern und den zukünftigen Kollegen nicht antun.

Deswegen habe ich dann gearbeitet – in allen möglichen Berufssparten. Ich habe bei dem Motorradgeschäft, in dem ich als Angestellter angefangen habe, mitgeholfen, es aufzubauen. Das war eine alte Wäscherei und ich habe dort die Trümmer hinausgeschleppt, Tapeten heruntergerissen, also die ganzen Berufssparten durch.

Und eines hat sich nie geändert, ich habe immer relativ viel gewechselt. Ich war in einem Reitstall bei meiner Mutter, ich habe bei einem Installateur die Urinale mit meinen Fingernägeln ausgekratzt, ich war mit einem Schornsteinfeger auf einem sechsgeschossigen Giebeldach, hab’ hinuntergeschaut und mir in die Hosen gemacht. Lauter so Sachen habe ich gemacht. Da war noch ein Security-Job, Aufbau in der Stadthalle für Konzerte, alles, was es so gibt. Das war für mich immer so eine Lebensmaxime: Ja nicht einrosten und immer sehr viele verschiedene Sachen probieren.

Du hast die Motorräder erwähnt. Motorräder sind ja, glaube ich, ein bisschen Deine Leidenschaft.

MMT: Eine Leidenschaft ja, die Begeisterung hat sich ein bisschen abgekühlt, weil es ganz einfach ein teures Hobby ist und weil es auch ein zeitintensives Hobby ist.

Du hast ja auch eine alte Harley Davidson

MMT: Ich hab’ eine alte Harley, die ist wirklich schon sehr abgefackt und abgenutzt, die ist Baujahr 1983. Aber heuer bin ich sie im Jänner zum letzten Mal gefahren und seither nicht mehr.

Aber jetzt zum eigentlichen Thema: Wie hat sich Dein Einstieg in das RHODAN-Team vollzogen? Der Sprung vom Fan zum Amateur-Autor und in weiterer Folge zum Profi ist ja nicht so selbstverständlich.

MMT: Naja, das war wirklich eine Aneinanderreihung glücklicher Fügungen. Denn es hat tatsächlich damit begonnen, dass ich mir gedacht habe, das, was die Jungs können, das kann ich auch. Was natürlich absoluter Schwachsinn ist im Nachhinein gesehen, aber das war der Grundgedanke. Ich habe damals im Jahr 1995, glaube ich, eine Kurzgeschichte zu Papier gebracht, eine P.R.-Kurzgeschichte, und hab’ sie an den Verlag geschickt, an VPM. Adressiert mit »Sehr geehrter Herr Frick, ich möchte Ihnen etwas anbieten« und so weiter. Der hat sehr freundlich zurückgeschrieben, hat aber gesagt, sie fangen damit nichts an, ganz klar, und welche Fehler drinnen sind. Es waren ungefähr zweihunderttausend und er hat mir dann gesagt, ich soll es einem der besseren Fanzines anbieten, die damals existiert haben. Er hat mich an eines verwiesen, das hat »Sternfeuer« geheißen und nur sieben Hefte lang gelebt. Interessanterweise war aber einer der Redakteure, wenn man das so nennen kann, ein gewisser Klaus Bollhöfener. Ich habe das Fanzine dann ein Jahr später gekriegt und das war eine riesige Freude für mich, es war ein ganz tolles Gefühl, »ich habe was veröffentlicht«. Das war etwas ganz Neues.

Dann habe ich wieder eine Zeit lang nichts mehr gehört. Irgendwann habe ich dann einen Anruf von Klaus Bollhöfener bekommen, dass in Wien eine Veranstaltung stattfindet, bei der P.R.-Autoren auftauchen werden, nämlich Ernst Vlcek und Uschi Zietsch, also Susan Schwartz. Und ob ich nicht vorbeischauen möchte. Ich habe gesagt, was mache ich mit den ganzen depperten Fans dort, die pack’ i net (Wienerisch für »halte ich nicht aus«, die Red.). Ich bin dann aber doch aufgetaucht und das war ein ziemlich großes Aha-Erlebnis. Denn ich habe erstens gemerkt, auch die Autoren sind nur Menschen und zweitens, dass die Fans auch nur Menschen sind. Die Fans wie Du und ich. Ich habe mir wirklich gedacht, da sind lauter Hiniche (Wienerisch für »kaputte Typen«, die Red.), denen ich da begegnen werde, bis ich draufgekommen bin, dass ich selber genauso deppert bin. Wirklich! Und das hat ziemlich animiert.

Du bist ja damals, soweit ich mich erinnern kann, neben dem Ernst Vlcek gesessen.

MMT: Ich bin damals neben ihm gesessen und er hat mich sehr beeindruckt. Es war kein Problem mit diesem Menschen per Du zu sein, es war echt angenehm. Ich hab’ mich irrsinnig wohl gefühlt. Das Ganze hat mich dann dazu gebracht, dass ich weiter Kurzgeschichten geschrieben habe. Beim Willi Voltz-Wettbewerb habe ich den dritten Platz belegt und dann ist es immer weiter aufwärts gegangen.

Ich habe mehrere Fanzines mit meinen Geschichten beschickt, die sind immer gleich veröffentlicht worden. Und dank vieler kleiner und großer Helferleins, wie Andreas Findig, den Lektoren und dem Leo Lukas, der mir auch jetzt sehr hilft, bin ich dann sozusagen immer weiter hinaufgerutscht in der Hierarchie – und bin dann irgendwann einmal bei PERRY RHODAN gelandet. Es war ein langer Weg, sieben, acht Jahre glaube ich, aber andrerseits wiederum ist das eigentlich relativ kurz.

Hat sich die Lust am Schreiben und Geschichtenerzählen bei Dir erst nach und nach entwickelt, gab es da eine Zäsur oder steckt »Sowas« von Anfang an in einem drinnen?

MMT: Bei mir hat es merkwürdigerweise dieses Gefühl, dass ich unbedingt schreiben muss, dass irgendetwas aus mir heraus wollte, so wie ich es schon öfters von Kollegen gehört habe, also das hat es nie gegeben. Ich habe wirklich erst im Alter von 32 oder 33 Jahren das erste Mal etwas geschrieben. Mit Ausnahme leidenschaftlicher Liebesbriefe war davor eigentlich nie das Gefühl da, ich muss jetzt was schreiben. Es kann sogar durchaus sein, dass ich eine Zeit lang schriftstellerisch tätig bin und dann wieder ganz was anderes machen will. Das weiß ich jetzt noch nicht.

Wie schwer ist es für einen Autor eigentlich sich im doch relativ engen Handlungskorsett eines Exposés zu bewegen? Es hat ja auch schon Autoren gegeben, die daran gescheitert sind. Bei PERRY RHODAN ist doch sehr vieles bereits vorgegeben, wie etwa die Charaktere der Haupthandlungsträger, technische Daten, so nebenbei 3.000 Jahre fiktive Menschheitsgeschichte usw. Wie viel Freiheit bleibt da für den einzelnen Autor noch?

MMT: Ja, ich würde einmal behaupten, es bleibt relativ viel Freiheit, wenn du bereit bist, mit deinem Mauskript zu kämpfen. Wenn du wirklich sagst, ich will, dass das mein eigenes Ding wird, dann musst du ganz einfach einiges investieren. Du kannst natürlich andererseits auch sagen, ich halte mich strikt an das Exposé und schreibe es linear, so wie es vorgegeben ist. Dann ist es relativ – ich will jetzt nicht sagen einfach – aber es erleichtert die Sache. Wenn du allerdings willst, dass diese Geschichte deine eigene Geschichte wird, in die du sehr viel von dir selbst einbringst, dann kostet´s natürlich mehr. Ganz einfach.

Also es bestehen grundsätzlich schon Freiheiten beim Schreiben.

MMT: Auf jeden Fall, ja.

Das heißt, es müssen eben die »Anschlüsse« stimmen.

MMT: So ist es, die Anschlüsse, die Pflöcke, die eingeschlagen sind, das muss alles drinnen sein, aber dazwischen hast du einfach deine Freiheiten. Und ich nutze sie auch. Es ist ja auch so, dass ich teilweise einen gewissen abgedrehten Humor habe und wenn sie mir´s nicht gerade rausstreichen bei der Redaktion, was leider viel zu oft vorkommt, dann spürt man das doch durch. Dass vielfach mehr dahinter steckt, dass ein Thurner dahinter steckt oder ein Lukas oder wer auch immer.

Wie schwer ist eigentlich der Einstieg in die Serie in Hinblick auf den Datenumfang? Bedarf es eines intensiven Einlesens in die Materie, die man jetzt »von der anderen Seite« betrachten muss – eben nicht mehr als Leser, sondern als aktiv Schaffender?

MMT: Der Einstieg in den Datenwulst war leichter als erwartet, ganz einfach deswegen, weil ich schon von ATLAN gekommen bin und da war´s auch nicht leicht. Dort sind die Datenvorgaben möglicherweise sogar umfangreicher dank Rainer Castor (grinst breit). Also es ist jetzt bei RHODAN für mich nicht unbedingt so gewesen, dass ich davor gesessen bin und mir die Kinnlade runtergefallen ist. Das war nicht so, es war beim ersten RHODAN relativ angenehm und beim zweiten jetzt ist es genauso.

Stellt es für Dich ein Problem dar, mit Figuren operieren zu müssen, die Du nicht selbst entworfen hast?

MMT: Atlan war ein Problem für mich. Da habe ich ordentlich gekämpft mit dem alten Griesgram. Weil er einfach von der Redaktion in einer bestimmten Form vorgegeben war. Und ich habe einfach damit kämpfen müssen, dass ich ihn so hinkriege, wie Sabine Kropp oder Klaus Frick es haben wollten. Das war nicht leicht für mich, da gab es einen ziemlichen Lernprozess, wo ich auch geblutet habe.

Ich habe ihm zum Beispiel einen ziemlich abgedrehten Humor verpasst, der bei den Lesern einfach schlecht angekommen ist. Erst einmal ist das vom Lektorat zusammengestrichen worden, und das, was übrig geblieben ist, haben mir die Leser auch noch angekreidet. Atlan hat so zu sein, wie er ist und punktum. Das ist einfach so. Man muss natürlich noch dazu sagen, dass RHODAN-Leser oder Heftromanleser prinzipiell sehr konservativ sind. Das bedeutet eine Änderung des Schemas, das jetzt in RHODAN vorkommt, und das ist fast nicht möglich.

Das heißt, die Prägung durch die Figuren ist sehr stark?

MMT: Die ist auf jeden Fall sehr stark, wobei man sagen muss, dass Rhodan jetzt im Vergleich zu Atlan noch relativ charakterlos ist. Atlan ist viel besser ausformuliert als Rhodan..

Wie gehst Du an einen Roman heran? Schreibst Du dich »von vorne nach hinten« durch das Exposé durch oder verfasst Du die einzelnen Kapitel unabhängig voneinander?

MMT: Ich schreibe im Prinzip linear, das heißt, ich fange wirklich beim Beginn an und höre mit dem Ende auf. Nur weiß ich nie, wie das Ende sein wird, weil ich mir immer sehr viele Freiheiten herausnehme und schaue, wo ich hinkomme. Ich hoffe halt, dass ich irgendwann einmal an das vorgegebene Ziel komme, dass ich´s wirklich erreiche. Bis jetzt hat´s immer funktioniert, aber es kann ein durchaus schmerzhafter Prozess sein, dass man das Ganze dann so hinbiegt, wie es tatsächlich gehört.

Das heißt, es war bis jetzt nicht so, dass Dir ein guter Schluss eingefallen ist, und Du den als erstes zu Papier gebracht hast oder so ähnlich?

MMT: Also es gibt Situationen, die fallen mir schon vorher ein, Szenen, wo ich einfach spüre, die sind gut oder die sind wichtig und sensationell, dass ich die schon kurz skizziere. Das behalte ich aber fast immer nur im Gedächtnis und schreibe gezielt auf das hin.

Also erfolgt die Ausformulierung im Detail linear?

MMT: Ja, hundertprozentig.

Wie lange brauchst Du durchschnittlich für einen Heftroman?

MMT: Viel zu lange, um reich zu werden. Ich würde sagen, ich schreibe an einem Roman – reine Schreibarbeit – 14 bis 15 Tage. Dann benötige ich noch drei, vier Tage für die Nachbesserung. Und danach brauche ich immer zwei, drei Tage um wieder was Neues anfangen zu können. Also der Prozess eines Romanschreibens dauert zirka drei Wochen.

Du hast außer für VPM auch schon für Bastei (MADDRAX, BAD EARTH) gearbeitet. Gab es da Unterschiede bei der Arbeit an den Romanen bzw. bei der Zusammenarbeit mit der Redaktion?

MMT: Ja, äh, ohweh, wie formuliere ich jetzt, ohne dass ich irgendwen beleidig’? Bei Bastei, da läuft es im Prinzip ganz anders ab. Dort formulierst du dein eigenes Exposé aus. Du kriegst eine Handlungsvorgabe, die ist vielleicht vier, fünf Zeilen lang, das und das hat zu passieren. Auf Grund dessen schreibst du ein Exposé, schickst es an den Redakteur ein und der heißt das gut bzw. sagt, das passt mir nicht, das gehört umgeändert oder verbessert. Dadurch ist von vorne herein gewährleistet, dass es deine eigene Handlung ist. Und dadurch schreiben sich die Romane auch ganz anders als ein RHODAN oder ein ATLAN. Was von Vorteil sein kann, aber nicht unbedingt sein muss.

Das heißt, dort (bei Bastei) passt der Redakteur nur auf, dass in Deinem Exposé nichts passiert, was dem generellen Handlungsstrang zuwiderläuft.

MMT: Genau so ist es, ja.

Aber ansonst hast Du freie Hand.

MMT: Sonst habe ich freie Hand, ja. Der eigene Einfluss auf die Serie selbst ist auch größer. Das kann ich jetzt bei den Autorenkonferenzen sehen, die es bei MADDRAX gibt, weil das wiederum ein anderer Prozess ist als zum Beispiel bei PERRY RHODAN. Gut, ich war noch nie auf einer RHODAN-Autorenkonferenz, aber schon aufgrund des Umfangs muss bei RHODAN ganz einfach viel dichter gearbeitet werden als etwa bei MADDRAX.

Gibt es eine Hauptfigur bei P.R., die Dir besonders liegt?

MMT: Nicht eine, die mir besonders liegt, sondern eine, die ich gerne bearbeiten tät´, das wäre der Tifflor.

Mit welcher Hauptfigur der Serie kannst Du Dich von der Person her am ehesten identifizieren? Für Rainer Castor ist es beispielsweise Atlan, wie wir wissen.

MMT: Ich habe mir ehrlich gesagt noch nicht den Kopf darüber zerbrochen. Das könnte ich jetzt gar nicht sagen. Also, gut sind schon Figuren wie der Saedelaere, wie auch immer er ausgesprochen wird. Aber das ist eben die Voltz-Figur und einfach einmal der stärkste Charakter gewesen. Er ist vielleicht heute nicht mehr so stark, wie er sein könnte, aber das bleibt eben den Autoren überlassen, was sie daraus machen.

Du warst und bist selbst P.R.-Fan. Hat sich durch Deinen Einstieg in das Autorenteam etwas an Deinem Verhältnis zum Fandom geändert? Tut sich da plötzlich ein bisschen eine Distanz auf? Ich meine jetzt nicht zum Stammtisch, zu der Gruppe, die du seit Jahren kennst sondern generell.

MMT: Naja, so wie du sagst, beim Stammtisch nehme ich nicht an, dass große Umwälzungen passiert sind. Ich bin, glaube ich, noch genauso integriert und da gibt’s überhaupt keine Probleme für mich und hoffentlich auch für die Stammtischleute nicht.

Ich war nie so tief im Fandom drinnen, dass ich sagen könnte, ich habe jetzt mein Verhältnis zu Deutschen Fans oder wem auch immer geändert, ich schaue jetzt womöglich auf sie herunter. Das liegt mir nicht. Das einzige ist halt, ich muss vorsichtiger sein bei dem, was ich sage. Soll heißen, ich kann nicht mehr frei von der Leber über irgendwas fluchen, was mir nicht passt und so weiter.

Da ich Dich ein wenig kenne, weiß ich, dass du nicht gerade zu den extrovertiertesten Menschen zählst. Wie wirst Du mit dem unweigerlichen Autorenschicksal umgehen, auf Cons herumgereicht zu werden?

MMT: Also, das lasse ich auf mich zukommen. Das ist keine große Frage für mich. Ich weiß auch noch nicht, wie das System funktioniert, ob ich zwangsverpflichtet werde, da und dort aufzutauchen. Aber wenn es jetzt ein Con in Österreich ist oder der Garchinger Con, den auch die Uschi nächstes Jahr wieder mitorganisiert, da habe ich kein Problem damit. Da habe ich so eine persönliche Beziehung zu den Leuten, dass das für mich jetzt keine Änderung meines Lebens bedeutet. Wenn ich jetzt in Hamburg auf einem Con auftauchen müsste und da sind halt wirklich lauter Hamburger, da würde ich mir wahrscheinlich schwerer tun, aber ich lass´ das einfach auf mich zukommen.

Du hast vor einiger Zeit eine – meiner Ansicht nach – auf geniale Weise »politisch unkorrekte« Gucky-Geschichte geschrieben, die bis jetzt leider nur einem kleinen Kreis bekannt ist. Dürfen wir in absehbarer Zeit auch auf eine Veröffentlichung von »Schluckauf und Karottenschnaps« hoffen? Vielleicht in Form einer Sonder-Edition des Stammtisches?

MMT: Ja, das ist ein Projekt, das in Zusammenarbeit mit Michi Wittmann entstanden ist, der die Zeichnungen dazu liefern sollte. Er hat ein paar Skribbles gemacht, das heißt, es war schon mehr als nur Skribbles …

Sollte es nicht auch ein Comics werden?

MMT: Eigentlich ein bebildertes Buch. Das hat mir irrsinnig gefallen und wahnsinnig Spaß gemacht – und so nebenbei dazu geführt, dass ich mein erstes ATLAN-Manuskript bekommen habe. Denn ich habe das gute Ding dem Klaus Frick in die Hand gedrückt und es hat ihm gut gefallen. Auch wenn es, wie du sagst, politisch eher unkorrekt war (Gelächter), zu dem steh´ ich heute noch, das ist einfach gut. Wenn´s jetzt einen Fan-Verlag gäbe oder so was, weißt du, wie »Bully´s Schreibtisch«, die eben solche Sonderpublikationen herausbringen, ich tät´s sofort machen. Nur muss man berücksichtigen, dass der Michi Wittmann die Zeit dazu finden muss um die Zeichnungen dazu zu fertigen. Ich bin jedenfalls überzeugt, dass das eine gute Geschichte ist.

Welche SF bzw. sonstige Literatur liest Du gerne? Hast Du bestimmte Lieblingsgenres oder Lieblingsautoren?

MMT: Ja, das ist die Frage, die ich schon immer gestellt bekommen haben wollte. Auf die freue ich mich schon die ganze Zeit. Aber ich weiß keine Antwort. Es gibt natürlich extrem gute Leute, aber es ist schwer zu sagen. Carl Barks ist da auf jeden Fall zu nennen, ganz sicher Neil Gaiman und Phillip K. Dick natürlich. Und wenn man nachdenkt noch einige andere.

Du hast da zwei Namen genannt, die gleich zu unserem anderen gemeinsamen Hobby überleiten, das zusätzlich zu RHODAN ebenfalls etwa drei Viertel der Stammtischler vereint, nämlich den Comics. Du bist auch selbst ein großer Comic-Fan. Ist das aus der Kindheit entstanden?

MMT: Ganz klar, ich meine, wir sind mit Micky Maus aufgewachsen und mit Fix und Fox. Und wenn man Micky Maus anspricht, ist unweigerlich Carl Barks da. Das ist so. Und wenn man sich die Infantilität auch als Autor bewahrt, dann bleibt einem das ein Leben lang. Abgesehen davon weißt du ja, Barks ist nicht nur eine blöde Zeichnung oder ein »Har Har« der Panzerknacker sondern es ist einfach mehr. Das ist das Leben im Kleinen. Dieser Mann war einfach genial und der hat seinen Platz in der Geschichtsschreibung wirklich verdient. Um auf den Neil Gaiman zurückzukommen, da weißt du ja auch, was der gemacht hat, nämlich »Sandman«. Das war einfach ganz, ganz toll. Aber da geht es nicht nur um »Sandman«, auch seine SF- und Fantasy-Sachen sind einfach gut.

Du hast mir einmal gesagt, Du bist kein ehrgeiziger Mensch. Gibt es trotzdem etwas, das Du einmal erreichen möchtest?

MMT: Naja, du weißt eh, Baum pflanzen, Haus bauen und Kind machen. Ich will es nicht so konservativ ausdrücken, aber natürlich hat man gewisse Lebensziele, pinselt sich recht gern mit der eigenen Eitelkeit. Also, wenn man von sich behaupten kann, man ist Autor, auch wenn man jetzt ein armer Schlucker ist, dann hört sich das schon gut an, finde ich. Und ich habe, um das jetzt ein bisschen ernster zu formulieren, wirklich Zeit meines Lebens das Problem gehabt, dass ich das, was ich wollte, relativ schnell und unproblematisch erreicht habe. Das ist mir passiert mit meinen Harleys, dass ich damals im Alter von 22 Jahren oder so mein Zielobjekt »Harley Davidson« verkaufen konnte. Ich war damals wirklich beim Stützpunkthändler und habe die Dinger verkaufen können! Und das Aufbauen dieses Händlertums, das war ganz einfach sensationell, das war neu, das war fantastisch. Ich, der kleine Michael, darf die Amerikanische Nobelmotorradmarke in Österreich verkaufen. Das ist aber so was von schnell und gründlich desillusioniert worden, weil ich auf einmal gesehen habe, welche Wappler sich auf die Harleys raufsetzen und was diese Leute für eine Beziehung zu dem Motorrad eigentlich haben. Das ist für sie ein Objekt der Zurschaustellung und mehr nicht. Das hat mir damals wirklich einen ziemlichen Dämpfer gegeben. Weil ich es so schnell erreicht habe, oder so unproblematisch. Und ich habe wirklich auch beim Schreiben Bedenken gehabt, dass ich etwas zu leicht in den Schoß gelegt bekomme, dass mir der Aufstieg, auch wenn es jetzt Jahre gedauert hat, zu schnell gegangen ist. Und dass ich irgendwann einmal da sitzen werde und mir denke, was mache ich da eigentlich, das ist ja total beschissen, Heftromane zu schreiben. Gott sei Dank hat sich dieses Gefühl noch nicht eingestellt. Aber vor dem Moment hätte ich Angst.

Was ist für Dich das Wichtigste im Leben?

MMT: Viel kennen lernen, viel sehen. Viel Neues sehen, nie stehen bleiben. Wir brauchen jetzt nicht über Familie und so reden, ja? Das ist, ich will nicht sagen selbstverständlich, aber es gehört zu meiner Lebenseinstellung dazu.

Gibt es irgendetwas, das Du Dir für die Zukunft wünschst?

MMT: Dass ich mir das Leben als Schriftsteller leisten kann. Weil es macht Spaß, aber ich habe drei(!!!) Frauen zu Hause. Weißt du, was das bedeutet?

JA!!! (der Interviewer hat selbst drei Frauen daheim, davon zwei Töchter; die Red.)

MMT: Gut, … also an dieser Stelle gleich ein ganz ein großes Lob an meine Frau, dass sie das immer von vorne herein unterstützt hat, meine Bestrebungen. Sie hat mich sogar gedrängt, das zu machen. Ich weiß nicht, ob das selbstverständlich ist, weil erzähl’ du deiner Frau, ich werde jetzt Schriftsteller, ich höre auf zu arbeiten. Na, wahrscheinlich wird sie mit dem Teppichpracker auf deinem Rücken ein bisschen spazieren gehen. Weißt du, wenn du auf einmal sagst, tut mir leid, ich gebe mein Gehalt auf, ich gebe das auf und probier´s als Schriftsteller. Allerdings weiß ich nicht, ob ich im ersten Jahr etwas verdiene. Das trau’ dich einmal. Und sie hat mich dabei unterstützt, sie hat gesagt, mach’ es. Und das war viel wert ... äh, wie war die Frage?

Was würdest Du Dir wünschen, das die Leute einmal über Michael Thurner sagen? Anders ausgedrückt, was soll einmal auf deinem Grabstein stehen? Jetzt einmal abgesehen vom Namen und der Jahreszahl …

MMT: Wahnsinnig, aber gut.

Okay, das wär´s, herzlichen Dank für das Interview!

Das Interview fand am 24. November 2004 in der Wohnung des Autors statt.

 

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